Bericht über die Besetzung des Hörsaals F1
17.-22.November 2009
Die Besetzung des Audimax liegt genau zwei Wochen zurück. Viel ist in der Zwischenzeit passiert, etliche Hörsäle in verschiedensten Städten Deutschlands wurden besetzt und es zeigt sich, dass nicht alle Rektorate so uneinsichtig sind wie in Münster. Die protestierenden Studierenden und Schüler_innen haben viel Zustimmung aus der Öffentlichkeit, der Politik und der Bevölkerung erhalten.
Besetzung - Erster Abend
Dienstag, 17. November: Es ist Tag der bundesweiten Demonstrationen. Nach guten, Input gebenden Kundgebungen zieht in Münster ein großer, bunter Demozug durch die Straßen.
Kurz vor dem Domplatz, wo die Abschlusskundgebung statt finden soll, als der Lautiwagen um die Ecke beim LWL biegt, werden Gerüchte laut, man wolle den F1 besetzen.
Um ca. 18 Uhr wird der F1 dann von einer tosenden, begeisterten Menge Studierender und Schüler_innen eingenommen und es wird erst einmal offen und angeregt diskutiert. Später leert sich der Raum etwas und man ist ein wenig planlos darüber, wie es weitergehen soll.
Ein Plenum wird für 21 Uhr angesetzt, einige Menschen ziehen los, um etwas zu essen zu organisieren, andere ruhen sich aus, holen ihre Schlafsachen, trommeln Leute zusammen...
Zum Plenum ist der Hörsaal wieder gut besetzt. Im Anschluss wird fröhlich gejammt.
Die Stimmung erinnert an den ersten Abend im Audimax: Viele nette Meschen und kritische Köpfe treffen sich, tauschen sich aus, diskutieren und machen gemeinsam Musik. Es ist eine Mischung aus einem Forum von bildungspolitischen Themen und Forderungen und einer Aneignung von Freiraum, wo auch über unterschiedliche Lebensformen geredet wird und wo diese gelebt werden durch das Organisieren von Essen und die Verteilung von Aufgaben. Jede_r kann sich einbringen, wo er/ sie will. Die Moderation wechselt ständig, die Menschen, die im F1 übernachten, wechseln sich ab und man sieht immer wieder neue Gesichter.
Die Besetzung hält an bis Montag morgen.
Auseinandersetzungen mit dem Rektorat
Viel Zeit nehmen immer wieder auch organisatorische Dinge ein: Heizung und Hauptbeleuchtung wurden bereits am ersten Abend auf Befehl von Frau Nelles abgeschaltet und man muss sich um ein Notstromaggregat kümmern, es muss geklärt werden, was man im Falle einer Räumung macht und es kommt die Idee eines Frühwarnsystems auf. Jeden Morgen um 5 stehen Menschen an den Knackpunkten in Münster, um die Besetzer_innen frühzeitig zu warnen, falls die Polizei anrückt. Das System funktioniert fabelhaft. (Meist) ohne Muren stehen die Besetzer_innen fühmorgens auf, um sich auf eine mögliche Räumung vorzubereiten. Oft wird dann schon Musik gemacht, gefrühstückt und geredet. Selten hat man so früh wohl schon so viele fröhliche Gesichter gesehen.
Am Wochenende verwirrt dann eine vom Rektorat gestreute Aussage, eine Ausstellung zum Thema “Wissenschaft, Planung, Vertreibung – Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten” könne auf Grund der Besetzung nicht statt finden. Als man sich mit den Verantwortlichen der Ausstellung (DFG) in Verbindung setzt, heißt es allerdings, nur der Flur werde gebraucht, die Besetzung könne aber normal weiterlaufen.
Schwierig wird es auch, als Frau Nelles am Donnerstag in den F1 kommt, aber nicht bereit ist, die Anzeigen aus der Besetzung des F1 zurückzunehmen. Die Besetzung wird von vornherein als „illegale“ Protestform deklariert. Im Plenum wurde beschlossen, dass man unter diesen Bedingungen nicht mit ihr reden will. Und so wird sie dann sehr schnell gebeten, den Raum zu verlassen.
Autoritäten wird nicht mehr Raum zugestanden als allen anderen Menschen, man will sich nicht „ergeben“ und ohnmächtig zeigen, sondern endlich wenigstens diese paar Tage selbt gestalten.
Alternativprogramm
Es wird ein Programm für die Tage der Besetzung aufgestellt. Es gibt feste Termine für das allabendliche- und morgendliche Plenum, AK Forderungen, AK Presse, Mobilisierung, VoKü und viele mehr sind ständig aktiv.
Workshops werden organisier und täglich gibt es ein Abendprogramm. Aus der ersten Besetzung im Audimax hat man etwas gelernt: Plena dürfen nicht so viel Zeit einnehmen, man braucht einen Infotisch, um neuen Interessierten eine Orientierung zu geben, Abstimmungsverfahren und Moderationstechniken müssen eingeführt werden.
Kontinuierlich sind Menschen da, es wird versucht, Studierende aus den Veranstaltungen, die im F1 statt finden sollten, zu integrieren und es entstehen konstruktive Debatten. Workshops finden statt zu den verschiedensten Themen, angefangen bei Argumenten gegen Studiengebühren über individuellen Möglichkeiten der „Entschleunigung“ des Alltags, zur Ökonomisierung an Hochschulen, dem NRW- Stipendienprogramm und wie es an der WWU umgesetzt wird, bis hin zu Protestformen.
Wohnen im F1
Es wird zunehmend wohnlicher im F1: Eine Wäscheleine mit Forderungen von Studierenden und Schüler_innen ziert den Raum, immer neue Banner werden gemalt und aufgehängt, die Ergebnisse der Workshops findet man auf Plakaten überall im Raum, im Flur steht eine Spülwanne, und an Stellwänden kann man sich immer über das aktuelle Programm der nächsten Tage informieren.
Wochendende
Am Wochenende sind viele Menschen nicht da und es kommt so etwas auf wie eine erste Besetzungsmüdigkeit mit vielen ungeklärten Fragen: Wie schafft man es, mehr Leute zu mobilisieren, wie bekommt man mehr Vertrauen und Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, in welche Richtung könnte man die Besetzung inhaltlich öffnen?
Sonntag Abend kommt wieder Schwung in die Sache. Viele Menschen sind wieder mit voller Energie und Motivation dabei, das Programm für Montag ist vielversprechend und man hat neue Ideen zu inhaltlichen Dingen und Mobilisierung.
Räumung
Montag, 23. November: Die Besetzer_innen, die an diesem Morgen geweckt werden, werden nicht nur routinemäßig zur Vorbereitung auf eine mögliche Räumung geweckt, diesmal ist es ernst: Das Frühwarnsystem hat gemeldet, eine Hundertschaft der Polizei sei unterwegs zum F1. Dort finden sie dank des Frühwarnsystems allerdings nur leere Räume vor.
Wieder erfahren die Besetzer_innen Solidarität aus weiten Kreisen.
Die Räumung ist bedauerlich, weil es seine Zeit braucht, bis sich die Strukturen entwickeln und bis man an die Kernfragen des Bildungssystems heranrückt. Aber auch in den paar Tagen haben viele Menschen wahrscheinlich unheimlich viel gelernt über politische Themen, Dikussionsformen, Motivationsstrategien, Solidarität, Zusammenleben, sich zu organisieren und sich eine eigene Meinung zu verschiedenen Themen zu machen, diese in Frage zu stellen und neu zu beleuchten.
Und keine Frage: Der Kampf für eine freie, gemeinschaftliche Bildung geht weiter!
Auf der Suche nach Verdächtigen in Münster
Karrikatur und Text einer Betroffenen von der Suche der Polizei nach Besetzer_innen.

Hey Leute,
ihr habt ja sicherlich schon von der Beihnahe-räumung am Montagmorgen gehört und davon, dass sie von mir und einigen anderen die Personalien aufgenommen haben, weil wir mit Rucksäcken und Schlafsäcken auf dem Domplatz standen.
Und einer von uns fragte: "Warum machen Sie das?" Und einer der Polizisten antwortete: "Wir müssen bei einer Straftat alle Verdächtigen im Umkreis von 50 Metern überprüfen". Hausfriedensbruch sei immerhin ein schweres Vergehen.
Da meinte ich nur: "Da müssen Sie aber viele überprüfen!", weil ich mir dachte, gerade auf dem Domplatz und um das F-Haus herum stehen doch häufig Gruppen von Leuten mit Reiseutensilien, weil Sie auf Exkursion wollen oder sonstwas. Auch häufig um die Uhrzeit. Fand ich komisch, dann gleich als verdächtig wg einer Straftat zu gelten! Ich sah da so`n bisschen die Persönlichkeitsrechte jedes einzelnen und die Demokratie gefährdet, denn man muss sich doch erstmal so frei bewegen und aussehen dürfen wie man will, ohne gleich von der Authorität der Polizei belästigt zu werden. Jedenfalls verstand mich der Polizeibeamte falsch und antwortete promt: "Ja, wir sind auch viele!" Und das waren sie tatsächlich. In der Zeit, in der wir da standen, fuhren ständig Polizeiwagen, -motoräder und -bullis um uns herum und noch Stunden später, als ich nach Hause fuhr, war die Konzentration von Polizeiwagen um das Fürstenberghaus herum sehr hoch. Ich hatte fast das Gefühl, dass bei denen auch schon der Terroristenwahn ausgebrochen ist. Ich meine, die Unterstellungen hört man ja ständig, wenn man sich heutzutage linkspolitisch engagiert, obwohl gerade in den linken Szenen (solange es keine bekannten linksradikalen Gruppierungen sind, die ich selber auch kritisiere) Demokratie und Gewaltlosigkeit immer an oberster Stelle stehen.
Also, dass die da bei uns mit Gewalt gerechnet haben, ist wohl nicht zu bezweifeln, bei dem Polizeiaufgebot, mit dem die da angerückt sind. Und ich hab mir nur gedacht: Vllt hätten sie vorher einfach mal hinkommen und sich die Leute, die Workshops und Plena und das Kreativprogramm im F1 angucken sollen, bzw. sich die guten und reifen Diskussionen anhören sollen, bevor sie so eine Angst vor uns kriegen und so viele Steuergelder zum Fenster rausschmeißen. Es ging ja bei der Besetzung niemandem um Zerstörung oder blindes Randalieren, sondern um Ernstgenommen-werden und um fruchtbare Dialoge, die die kaputte Unilandschaft sowie Bildungssystem betreffen.
Deswegen habe ich diese Karikatur gemalt und wenn die Polizei ein bisschen Humor hat, findet sie`s vllt selber witzig.
Aber das möchte ich nochmal klarstellen, dass ich die Polizei als Institution grundsätzlich anerkenne und dankbar dafür bin, dass sie ihren Job tun und auch unsere Rechte schützen. Ich möchte nur in dieser Sache das Verhalten der beiden Polizisten am Montag kritisieren. Wie gesagt: Ich habe es als leicht einschüchternd empfunden.
Und ich möchte nochmal dazu aufrufen: Bitte, wasimmer ihr tut und so sehr sie euch auch auf den Keks gehen, lasst euch nicht zu Gewalt hinreißen!!!
Denn dann verlieren wir unsere ganze Glaubwürdigkeit!
GIVE PEACE A CHANCE! :)
Falls ihr noch Fotos oder weitere Artikel habt, schickt die bitte an info at bildungsstreik-muenster dot de.


